Eine der alten Lienzer Gassen ist die Messinggasse, die bis in das 19. Jahrhundert hinein „Meraner Gasse“ geheißen hat.
In großen Zügen die Stadtentwicklung:
Von den Grafen, die sich nach dem Erwerb umfangreichen Besitzes in Friaul und am Isonzo „Grafen von Görz“ nannten, wird gegen 1200 in der Talebene die ritterständische Ansiedlung des sogenannten Burgums Lienz gegründet.
Dieses Burgum Lienz umfasste im Prinzip den heutigen Hauptplatz, um 1311 um ca. ein Fünftel der Fläche nach Westen hin erweitert. Wichtig ist das ebenfalls im Westen gelegene „Mittertor“. Davor entstand das „bürgerliche“ Lienz; zentral die Kirche zu St. Johannes dem Täufer. Die Verbauung dieses Bereiches mit Werkstätten, Verkaufsgewölben, Tafernen, Herbergen nahm ständig zu.
Vom Burgum nach Westen entstand auch der Weg in Richtung Pustertal als Verbindung mit dem Bischofssitz Brixen und der Grafschaft Tirol mit der damaligen Hauptstadt Meran, wovon sich für die heutige Messinggasse die ursprüngliche Bezeichnung „Meraner Gasse“ abgeleitet haben dürfte.
Wie bekannt, wird Lienz erstmals im Jahr 1242 als „civitas“ – „Stadt“ bezeichnet. Wenn auch in das Stadtgericht einbezogen, lagen die Bereiche der Schweizergasse und der Meraner Gasse vor der eigentlichen Stadt mit Haupt- und Johannesplatz. Diese Situation als „Vorstadt“ wurde noch verstärkt, als zum Schutz des städtischen Zentrums zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Westen zwar noch nicht eine Mauer errichtet worden ist, jedoch ein Graben, wohl mit Palisadenzaun geschützt. Dieser Graben nahm beim Amlacherturm am Ende der heutigen Kreuzgasse an der ehemaligen Wiere seinen Ausgang und verlief in nördlicher Richtung hin zur Isel. Im Bereich der Meraner Gasse werden Personen fassbar erstmals mit dem Jahr 1387.
Aus dem Vergleich der zahlenmäßigen Auflistung von Schweizergasse und Messinggasse in der damaligen Zeit geht hervor, dass sich in der Messinggasse weit weniger Häuser befunden haben wie in der Schweizergasse: Hier sind es 25 Hausinhaber (2 bezahlen für 2 Häuser, also zusammen 27 Häuser), dort sind es 53! Wie heißen die Leute, die anno 1387 in der Messinggasse gewohnt haben? – Dyemel am Graben, der für 2 Häuser Steuern zahlte – die Daneydin – des Zahers Hofstatt (!) – Nikleins Fudres Haus – der Gaystleich (2 Häuser) – Jörg Fleischhacker - Hensel Öbsler – Hensel Maurer – Kreuz(er) „im Chranist“ – „die alt Chranestin“ – „Chranest“ – der Reuter – der Göler – der Haibacher – „Swäbel“ Schuster – die Messrerin – die Villacherin – der Zacher – die Polanin – die Tychanin – der Fliehenhamer – die Lazzarini – der Lang Rüpel – der Pertl.
Nachdem Lienz im Kampf mit Kaiser Friedrich III. den Görzern 1460 verloren, jedoch nach zwei Jahren wieder gewonnen worden war, bildeten die aus dem Osten heraufziehenden Türken eine ständige Bedrohung. Aus dieser Notwendigkeit heraus wollte man sich mit dem befestigten Graben nicht mehr allein begnügen, sondern ging an den Bau eines erweiterten Mauerringes. Die Lienzer ersuchten den Landesfürsten und Stadtherrn, Graf Leonhard von Görz, sie in dieser Hinsicht zu unterstützen: Ohne seine Hilfe könnte das Werk nicht vollbracht werden. Die Befestigung sei sehr wichtig, die Stadt Lienz sei doch für „ain klausen oben und unden“ – also in beide Richtungen – zu halten. Nun ging es mit den Arbeiten flott voran, doch konnte die Ringmauer erst in nachgörzerischer Zeit, also nach 1500, fertig gestellt werden. – Keinen Schutz durch diese Mauern hatten die Einwohner der angrenzenden Vorstädte Schweizergasse und Meraner Gasse, natürlich auch nicht der Rindermarkt.
Was kann man über die soziale Struktur der Bewohner der Meraner Gasse aussagen? So weit aus ergänzenden Angaben in den genannten Verzeichnissen ersichtlich, haben in dieser Gasse immer Bürger, Inwohner und Taglöhner gewohnt.
Allgemein zählten in der sozialen Struktur einer Stadt Geistlichkeit, Adel, die wenigen Akademiker und die höchsten Beamten zur Oberschicht. Dann folgten Handel und Gastgewerbe, dann die Angehörigen der verschiedenen Handwerkssparten, wobei es auch hierin wieder Unterschiede gab. Niedere Beamte und Bedienstete rangierten weit hinten, gefolgt nur mehr von den Lohnarbeitern bzw. den Taglöhnern.
Die Bürgerhäuser, die einen großen Teil der städtischen Behausungen ausmachten, beschränkten sich nicht etwa nur auf die Lienzer Altstadt, sondern waren insbesondere auch über die beiden Vorstädte Schweizer- und Meraner Gasse verteilt; weniger über den Rindermarkt und kaum über Kalkgrube und Forchach.
Die Vorstadt Rindermarkt war ländlich geprägt, die Vorstadt Schweizergasse war ein ausgesprochenes Handwerkerviertel, zunächst auch die Meraner Gasse, die sich jedoch ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einem ausgesprochenen „Industrieviertel“ entwickelte. Den großen Einschnitt in die Entwicklung dieser Gasse brachte die Gründung eines Messingwerks durch die Freiherrn von Wolkenstein-Rodenegg. Diesem Geschlecht war im Jahr 1501 vom Tiroler Landesfürsten und römischen Kaiser Maximilian I., dem späteren Kaiser, die Herrschaft Lienz zur Verwaltung auf jederzeit möglichen Rückkauf übertragen worden.
Zum Bestreben, großen Nutzen daraus zu ziehen, ergriff Christoph Freiherr von Wolkenstein-Rodenegg die Initiative zur Gründung eines Messingwerks. Damit konnte auch das in der Herrschaft Lienz in nicht geringen Mengen abgebaute Kupfer verarbeitet werden. Das Messingwerk, auch Messinghütte oder später Messingfabrik genannt, war – um es gleich vorweg zu nehmen – für frühere Zeiten ein Großbetrieb, der in seiner Blütezeit mehr als 100 Personen Arbeit gab. Damit war das Lienzer Messingwerk ein äußerst bedeutender Faktor im Wirtschaftsleben von Stadt und Herrschaft Lienz und eine einträgliche Einnahmequelle für die Freiherrn von Wolkenstein-Rodenegg.
Die Gründung des Messingwerks erfolgte auf die private Initiative des Christoph Freiherrn von Wolkenstein-Rodenegg hin; die Bewilligungsurkunde des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinands II. ist mit 31. Dezember 1564 datiert. Die Verwendung einheimischen, also tirolischen Kupfers wird darin zur Bedingung gestellt. Auch mussten die entsprechenden Zölle und Aufschläge als Einnahme für den Landesfürsten entrichtet werden.
Messing ist eine Legierung aus Kupfer und Zink. Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde Messing durch Zusammenschmelzen von Kupfer und Galmei erzeugt. Galmei ist ein berg- und hüttenmännischer Sammelname für die verschiedenen karbonatischen und silikatischen Zinkerze. – Für das Lienzer Messingwerk wurde Galmei aus dem Bergwerk an der Jauken im kärntnerischen Drautal ungefähr gegenüber von Irschen bezogen.
Die Errichtung der Lienzer Werksanlage erfolgte am westlichen Ende der Meraner Gasse. Bei manchen Vorgängen im Rahmen des Produktionsablaufes war man nämlich an die Wasserkraft der Drauwiere gebunden, wie beim Feinmalen des Galmeis. Die Galmeimühle mit Schleif und Stampf stand südseitig der Wiere an der Stelle der heutigen Genossenschaftsmühle.
Vom Wolkensteiner wurden einige Häuser angekauft, auf deren Grund das Verwaltungsgebäude (heute Messinggasse Nr. 13-15) entstand. Hier waren die Wohnung für den Messinghandelsverweser, verschiedene Kanzleien, Warenmagazine und Getreideböden untergebracht. Das kleine Haus im zugehörigen Garten, ehemals Mühlgasse Nr. 10, diente als Back- und Waschküche. Herzstück der Messingfabrik war der Komplex mit der Brenn- oder Schmelzhütte (Messinggasse 21), wo sich weiters das Waag- oder Kupfergewölbe, eine Stube, in der das Kupfer in Stücke geschlagen wurde, das Galmeikammerl und im Oberstock der Hafnerboden befand.
Im Komplex des Messingwerks befanden sich noch weitere Bauten bzw. Hütten wie die Zimmerhüte (Messinggasse Nr. 22), eine eigene Hafnerei zur Erzeugung von Schmelztiegeln, Schuppen für Holz und Holzkohle, zur Unterbringung der Wagen und Fuhrwerke, Stallungen usw. Manche Räumlichkeiten sind heute nicht mehr zu lokalisieren wie der Raum für die Holzessig-Beize, das Probiergewölbe usw. Weiters bestanden noch einige Häuser mit Arbeiterwohnungen und eine Badstube.
Natürlich wurde im Lienzer Werk bzw. in der Gesamtanlage im Lauf der Zeit verschiedene Veränderungen vorgenommen. Besonders nach dem großen Stadtbrand vom 8. April 1609, der eine mehr oder weniger totale Zerstörung des Messingwerks verursachte. Dieser Stadtbrand von 1609 hat die ganze Stadt, besonders aber auch die Meraner Gasse, in Mitleidenschaft gezogen. Ja, der Brand brach sogar hier im Haus des Tuchscherers Christoph Ebenberger in der Nähe der Stadtmauer (heute Messinggasse Nr. 2) zwischen 12 Uhr und 13 Uhr mittags aus. – Später wurde hier wohl zur Erinnerung ein Bildstöckl errichtet, das das denkwürdige Datum 8. April 1609 trägt.
Trotz aller Löschversuche breitete sich das Feuer, begünstigt von einem starken Wind, rasch gegen das Zentrum der Stadt hin aus. Innerhalb von drei Stunden war die ganze Stadt ein Flammenmeer. Nach der sofort nach Innsbruck gesandten Meldung ergriff auch die Regierung entsprechende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und zum Wiederaufbau der Stadt. Es wurde selbst der Kanzler der Regierung, Mathias Burgklechner, nach Lienz entsandt, der eine Schadensaufnahme vornahm. Danach waren innerhalb von drei Stunden 114 Wohnhäuser und 70 Futterhäuser ab- bzw. ausgebrannt, weiters das Karmelitenkloster mit Kirche, die Kirche St. Johann und das Bürgerspital mit der Kirche, weiters eine nicht geringe Zahl von Badstuben, Holz- und Wäschehütten sowie Mühlen, besonders aber die wörtlich „schön- und wohlerbauten Messinghütten“, die Hammerschmiede, die Schabhütte samt allem Vorrat, Proviant und allen Schriften, die wörtlich „zu der Buechhalterei gehörig“ und auch der neue Ansitz der Wolkensteiner, die eben fertig gestellte Liebburg. – Verschont blieben mehr oder weniger nur die Häuser der Schweizergasse, das Dominikanerinnenkloster, die verstreuten Häuser der Rotte Kalkgrube und Forchach, der Rindermarkt jenseits der Isel und St. Andrä.
Im Zuge des Wiederaufbaus nützte man die Gelegenheit und kaufte auf der Nordseite der Meraner Gasse fünf Brandstätten auf und adaptierte sie für verschiedene Zwecke. Jedenfalls hat der Stadtbrand von 1609 bzw. der dadurch verursachte große Schaden den wirtschaftlichen Ruin der Wolkensteiner, die 1630 in den Grafenstand erhoben worden sind, herbeigeführt. Die Familie war gezwungen, die Herrschaft Lienz im Jahr 1647 dem Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand Karl zurückzustellen. Nach einigen Jahren landesfürstlicher Verwaltung wurde sie an das Königliche Damenstift in Hall im Inntal weitergegeben. Das Messingwerk verkaufte der Erzherzog am 23. November 1653 dem Brixner Kaufherrn Andrä von Winkelhofen zu Englöß und Neidenstein. Dazu gehörten auch das Galmei- und Bleibergwerk an der Jauken in Oberkärnten und das Kupferbergwerk Zariach im Frosnitztal. Das Lienzer Werk blieb nicht lange im Besitz des Andrä von Winkelhofen. Inzwischen hatten nämlich Karl Aschauer und Andreas Pranger in Achenrain bei Kramsach im Unterinntal ein Messingwerk errichtet (1648/49). Um das Konkurrenzunternehmen in den Griff zu bekommen, kauften die dem Winkelhofen mit 2. Jänner 1660 sein Lienzer Werk um 15.000 Gulden ab, nachdem sie es vorher bereits einige Zeit verwaltet hatten. – Die sozialen Verhältnisse der Messingarbeiter verschlechterten sich nun radikal im Vergleich mit der Wolkensteiner-Zeit. Dies geht aus einer Beschwerdeschrift an die Regierung in Innsbruck hervor. Auch das Wirtschafsleben der Stadt könne nicht mehr viel profitieren.
Das Gesamtunternehmen von Aschauer und Pranger geriet in Schwierigkeiten, die sich auch auf den Lienzer Betrieb auswirkten und Jahrzehnte währten. Eine Stabilisierung trat erst 1740 ein mit der Übernahme von 7 Neunteln des Werks durch den Ärar (=Staat), während 2 Neuntel noch der Familie Aschauer als „Mitgewerken“ verblieben. Die Verwaltung ging nun vom k.k. Faktorant in Schwaz (Bergwerks-Direktorat) aus. Nun begann auch für den Lienzer Messinghandel eine neue Blütezeit. Bereits nach zehn Jahren wird von einer enormen finanziellen Einträglichkeit der Werke Achenrain und Lienz berichtet. Man kam mit der Abfertigung der Aufträge nicht nach; Besteller mussten drei bis sechs Monate auf die Lieferung warten. Die Beschäftigtenzahl des Lienzer Messingwerks wies von Anfang an eine steigende Tendenz auf. Die Zeit von ca. 1760 bis 1790, also am bedeutungsmäßigen Höhepunkt, ist auch durch einen hohen Stand an Beschäftigten charakterisiert: 1763: 25-27 Mann, 1767: 46 Mann, 1768: 68 Mann, 1773: 49-54 Mann. Dazu kamen immer 40 bis 50 Leute in der Holz- und Kohlearbeit.
Die Erzeugnisse der Lienzer Messinghütte waren in erster Linie Stückmessing, Bleche und Drahtwaren. Auch Kupferdraht wrude hergestellt. Die jährliche Messingerzeugung betrug z.B. in den Jahren vor dem Brand 1609 immer unter 100 Zentner. Die Produktion des Jahres 1787 umfasste 1943,5 Zentner (=108.836 kg = ca. 108.8 Tonnen Messing). Davon wurden 1799 Zentner exportiert. Allgemein gelangte der Großteil der Lienzer Messingproduktion über den österreichischen Hafen Triest, wohin die Waren besonders durch die Lienzer Spediteure Kranz und Oberhueber gebracht wurden, in die Levante, in die Länder des östlichen Mittelmeerraums und nach Italien; der Rest blieb im Land. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts lässt sich einiges zur sozialen Struktur der Meraner Gasse sagen, die auf ihre Weise eine Sonderstellung unter den Lienzer Gassen einnahm.
Nach der Häuserbeschreibung der Stadt Lienz von 1754 umfasste die Rotte Meraner Gasse – dazu gehörten auch die Häuser der Kreuzgasse im Bereich des Stadttores, im südlichen Teil „Zinngießergasse“ genannt – 32 Häuser, in der Meraner Gasse allein 24, 12 gehörten hier dem Messinghandel. Als Gewerbe finden wir in den restlichen Häusern folgende Gewerbe: Rotgerber, Bäcker (2), Schuster, Handschuhmacher, Schneider, Huter, Seiler, Schmied, Bader, Binder (2), Färber, eine Obstfratschlerin, 3 Taglöhner, in einem Haus die Erben des Arztes Johann Verzi. – In dieser Gasse wohnten Bürger und Inwohner und nur sehr wenige Taglöhner.
Das Stadtbild prägten – auch in dieser Gasse – die Häuser der Bürger und Inwohner, meistens einfache, lang gestreckte, einstöckige Häuser mit dem First parallel zum Straßenverlauf, die für Lienz genau so bezeichnend und traditionsreich sind, wie andere Haustypen für andere Städte. Wohl die einzige Ausnahme bildete in der Meraner Gasse das zweistöckige Verwaltergebäude. Die große Krise für das Lienzer Messingwerk kam am Ende des 18. Jahrhunderts, ausgelöst durch die kriegerischen Ereignisse bzw. deren Auswirkungen, in die der Habsburgerstaat hineingezogen wurde. Im Kriegsjahr 1797 wurde ein Teil der Messingarbeiter als Schützen aufgeboten. Der Stadtbrand von 1798 legte das Werk neuerlich in Schutt und Asche. Die Auflassung des Lienzer Messinghandels war nur mehr eine Frage der Zeit. Offiziell geschah sie nach der Napoleonischen Ära zu Jahresende 1824.
Nach der Auflassung des Messingwerkes wurden auch die zugehörigen Häuser und Grundstücke versteigert und von verschiedenen Privatpersonen gekauft. Das wohl wichtigste Gebäude, der eigentlich aus zwei Häusern bestehende Komplex der ehemaligen Messinghandelsverwaltung kaufte im Jahr 1831 Michael Sartori. Auf Anordnung des Kreisamtes mussten von nun an die Gassen mit Namensinschrift und die Häuser mit Nummern versehen werden. Die Arbeiten führte der Maler Johann Waginger d.J. im Akkord aus. Nun taucht – meines Wissens offiziell zum ersten Mal – der Name „Messinggasse“ auf.
verfasst von Univ.-Doz. Dr. Meinrad Pizzinini |